27 September 2006

Läset

Voilà - ändlech fertig büglet! Jetzt geyts ab i Läset! D'Trübu sy scho riif und sehr gsung. Das git wieder ä supper Saison. Unger fougendem Link hani no ä Internetsite gfunge mit schöne Biudlis übere Läset.

Und unger dra hani no ä Bricht übere Läset inekopiert, wo dr Hannes Louis, Winzer in Schafis, vores paar Täg im Bielertagblatt gschribe het:


Betrachtungen zum Läset

Es war letzte Woche. Morgens, hoch über dem See in den Reben von Schafis. Der Himmel strahlend blau und glasklar, wie er nur an einem Föhntag ist, nachdem der Regen zuvor die Luft von allem Staub befreit hat. In der Ferne ragten Eiger, Mönch und Jungfrau, mit frischem Neuschnee bepudert, am Horizont empor. Vor nicht allzu langer Zeit hat mir jemand gesagt: «Wisst ihr eigentlich, wie schön ihr Weinbauern es habt beim Arbeiten mit dieser Aussicht? Aber ihr seht ja das nicht einmal mehr!» Ich hatte damals vehement bestritten, dass ich es nicht mehr sehe. Beim Anblick der reifenden Trauben, der herbstlich gefärbten Reben und der St. Petersinsel, wie sie mitten im spiegelglatten See liegt, muss ja einer stumpfe Sinne haben, um nicht einen Moment innezuhalten! Es ist zum Weinen schön! Es kann wohl nirgends auf der Welt schöner sein, höchstens anders...

Bald ist Weinlese, und die Trauben haben trotz dem kalten August bereits einen sehr guten Reifegrad erreicht! 66° Oechsle beim Chasselas und 80° Oechsle beim Pinot noir. 75 bis 80 respektive 95 bis 100 werden angestrebt. Es fehlt also nicht mehr viel. Der Zuckergehalt und damit die Qualität der Trauben wird so gemessen. Nächsten Frühling wird der fertige Wein von einer Degustationsjury bewertet, auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten. Es ist der hilflose Versuch, objektiv eine Qualität darzustellen, welche subjektiv wahrgenommen wird. Besonders in der heutigen Zeit neigt der Mensch dazu, alles in einer Rangliste darstellen zu wollen. Weinprämierungen mögen für manch einen Weinfreund eine willkommene Hilfe beim Weinkauf sein, für mich als Weinbauer geht aber die Beziehung zum eigenen Produkt weit über eine blosse Punktezahl hinaus.

Es sind Momente wie jener letzte Woche, welche einem später beim Trinken des Weines wieder in den Sinn kommen. Ich erinnere mich zurück ans Rebjahr. Daran, wie die Erde riecht, wenn im Frühling die Natur erwacht. An den feinen, delikaten Duft der Rebenblüte im Juni. An die sengende Hitze im Rebberg an jenem Julinachmittag, an welchem man trotzdem arbeiten musste, weil viel Arbeit da war. An die unheimliche Spannung vor dem Gewitter am Abend, welche sogar die Vögel verstummen liess. Oder an den einzigartigen, frischen Geruch der abgebeerten Trauben in der Weinpresse.

Eigenartigerweise erinnert man sich später weniger an die müden Beine nach einem langen Arbeitstag! Jedes Weinjahr hat seine Geschichte. Ich habe unterdessen bald zwanzig Jahre als Weinbauer erlebt und weiss noch von jedem, wie der Jahrgang und der daraus entstandene Wein war. Klar müssen unsere Weine so gut sein, dass sie keinen internationalen Vergleich zu scheuen brauchen, aber ich hoffe, dass der Weinliebhaber zusätzlich auch etwas von jener innigen Beziehung des Weinbauern zu seinem Terroir und zu seinem Wein mitbekommt, welche diesen von einem anonymen Wein aus dem Regal eines Grossverteilers unterscheidet.

Johannes Louis